Die wegen ihrer No-Budget-Produktionen berüchtigte „Juma-Film“ dreht seit Anfang der 80er Jahre Filme am laufenden Meter – heute am laufenden Band. Anfangs noch ohne Führerschein – das hieß, Geräte zu Fuß auf den Berg schleppen – begann Juma-Film mit Marc Hemmerleins historischen Worten „Ich habe jetzt eine neue Kamera. Mit Ton!“, im Schulbus gesprochen zu Justus Dallmer. Erste erschröckliche Super-8-Dramen entstanden in den Feilnbacher Voralpen, die – vor allem in der Fantasie der Filmemacher - zu postapokalyptischen Wüstenkulissen („Die Puppe“) mutierten. Einziger Schauspieler war damals Markus Kaffl. „Markus, wo immer Du bist: Wir danken Dir!“ (JUMA) Die experimentellen Klangteppiche stammten von dem Experimentalkomponisten „Shagaga“: Hemmerlein an der Kinderorgel.

Mit Dallmers Führerschein kam auch gleich ein knallgelbes Auto in den Genuß von Hauptrollen („Die Beute des Löwen“, „Das Erwachen“), während seiner Bundeswehrzeit errang eine Gasmaske diese Ehren („Circles“).

Sah man anfangs noch deutliche Einflüsse des öffentlich-rechtlichen ARD-Nachtstudios und Sergio Leones („Tragisches Schicksal eines Keksessers“), wurde später Rainer Werner Faßbinder stilbildend. Für die notwendigen längeren Einstellungen gab es zum Glück die billigere Videotechnik, was erstmals („Past Times“) auch Originalton erlaubte. Aus symbolischen Kunstfilmen („Sein bestes Stück“ – 3 Minuten, 3 Mitwirkende) wurden jetzt dialogreiche Kunstfilme („Komödianten sterben einsam“), mit bis zu 70 Minuten Länge („Jagdzeit“) und 3 Monaten Drehzeit, endlich auch in Schwarzweiß („Keine Zeit zum Träumen“), dem zweifellosen Merkmal kompromißloser Filmkunst.

In gegenseitigem Einvernehmen wurden JUMA (JUstus und MArc) von den Filmhochschulen abgewiesen, die ohnehin „originelle Geister nur für den Mainstream zurechtstutzen“ (Hemmerlein, 1983). Während Marc Hemmerlein schließlich in Nürnberg freie Kunst (Malerei) studierte, geriet Justus Dallmer in die Mühlen des Rosenheimer Amateurtheaters, wo er seit 1986 in ca. 40 Stücken mitwirkte, bei Toni Müller, Bijan Ahsef, Marie Elliott-Gartner, Enrique Pardo und Dominik Frank. Die Details seines Lebenslauf wurden leider bei einer Computerkatastrophe vernichtet... aber wir erinnern uns vor allem seiner eigenen Stücke: „Freitagabendshow“, einer Fernsehshow, die mit dem Foltertod einer Kandidatin endete, und „Pommerland ist abgebrannt“, der Tragikomödie eines erfolglosen Witzeerfinders – das mit einem Weihnachtslied endete. Bis heute vermochten sowohl Hemmerlein als auch Dallmer die Klippen der Kommerzialisierung und des Mainstreams zu vermeiden. Beide sind irgendwie künstlerisch tätig und verdienen das notwendige Kleingeld in verschiedenen Bereichen des deutschen Buchhandels.

Hinter der Filmkamera ist leider nur noch Dallmer verblieben, dafür in allen Funktionen: Buch, Regie, Kamera, Produktion... Die Filme sind immer noch unangepaßt und finden weitgehend unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Entweder persiflieren sie die ausgelutschten Regeln des Big-Budget-Kinos („Das Grauen aus dem All“, zusammen mit Susanne M. Hirl) oder ignorieren sie („Nazibikers go to hell“).

Inzwischen hat sich sein Interesse erweitert. Er kennt nicht nur das Kleine Fernsehspiel und das Münchner Dokumentarfilmfestival (dort lief sein „Katja Ritter – Berufswunsch Sängerin“), sondern entdeckte auch die Hongkonger Neue Welle und die Trashperlen der New Yorker Mitternachtsvorstellungen. Entsprechend reichen die Reaktionen der JUMA-Film-Betrachter von „Nimm‘ meinen Namen raus!“ bis zu „Kann ich nächstes Mal auch mitspielen?!“, von „albern“ bis „großartig“. Unvergessen ist Jochen Günters‘ Kritik, die in dem Appell gipfelt: „Bei Dallmer ist jeder ein Arsch! Und die Kamera wackelt! Nehmt sie ihm weg!“

Der 100-minütige „Nazibikers...“, ein Hohelied auf Freundschaft und Politorgien, mit 50 Mitwirkenden, Feuersbrünsten, Schießereien im Polizeirevier, Ausweidungen, Kannibalismus, Amokläufen, Organhandel am Inn, Schlägereien in der Fußgängerzone, melancholischen Liebesszenen und berührenden Lebensbeichten, galt jahrelang als: „Unverfilmbar! Welche erstklassigen, hervorragenden, ernsthaften Schauspieler/innen geben sich bloß für diese Abartigk- [durchgestrichen] Abgründe her?“ (Tagebuch 2001).

Die Antwort lautete, glücklicherweise: Das „Theater RIP – Ridere in Publico“. Unerschrockene junge Theatermacher, die, 20 Jahre nach JUMA-Films Gründung, die Fahne wieder aus dem Dornröschenschlaf reißen halfen. „Danke, Dominik Frank!“

Und das war keine Eintagsfliege: trotz der beispiellosen „Geschmacksverirrung! Dallmer auf dem Holzweg!“ (CityMag Berlin) wirkten noch einmal alle mit: In „Der Griff nach den Sternen“. Im April 2007 befindet sich dieser nächste von Dallmers spekulativen Exploitation-Abendfüllern in der Nachbearbeitung. Wieder läßt er sich keinem Genre zuordnen, wieder spielen nazi-artige Gestalten eine gewichtige Rolle, wieder sind am Schluß alle tot.

Und wieder ermöglichte ihn das „Theater RIP“. Doch dieses Mal sprang auch der „Verein für bodenständige Kultur“ und die „Vetternwirtschaft Rosenheim“ mit ins Boot. 28 Drehtage, in März und April 2007, war die Wirtschaft Studio, Wald und Wiese für die Geschichte eines Raketenforschers im 20. Jahrhundert, hin- und hergerissen zwischen seiner Verantwortung für die Raumfahrt, faszinierenden Frauen und unheimlichen Regierungen.

Ob aufgeregte Kabinettssitzungen, glanzvolle Hochzeiten, Menschenversuche, Truppenparaden, intime Zweierszenen mit Hund: „Sofern kein Dart-Termin im Wege stand, war in der Vetternwirtschaft nichts unmöglich“, schwärmt Dallmer, der einmal mehr das erfahrene RIP-Ensemble auf die Reise in eine surreale Traumwelt schickte. „Nur den Max-Josefs-Platz haben wir wieder im Original benutzt. Nicht nur, weil es eine liebgewonnene Tradition ist, in Rosenheims ‚Guter Stube‘ zu drehen: auch wollten unsere Gäste aus Hollywood, Micky und Minnie Maus, nur am Originalschauplatz auftreten“. Zusammen mit diesen internationalen Stars traten dieses Mal auch Koryphäen aus Hildesheim, Halle, Lübeck, Berlin und Miesbach auf. Eine erste Preview ist für den 16. September 2007 in der Vetternwirtschaft geplant.